40 Jahre NWKV – Interview mit Thorsten Mesenholl (7. Dan)

Das Interview führte Ulrike Oppel.

„Ich war etwa über 35-mal auf dem Treppchen.“

„Nur das Kennenlernen verschiedenster Sensei und Trainer, ihrer Lehrstile sowie das über das körperliche Training hinausgehende Philosophieren führt dich auf den Weg zum eigenen Kendo“

T: Nito hat mich schon seit meinen Anfängen im Kendo begeistert. Den meisten Kendoka ist Nito im Zusammenhang mit den Überlieferungen der historische Figur des umherwandernden Kriegers Miyamoto Musashi und dessen Schwertkampfschule des Niten-Ichiryu („Zwei-Himmel-ein(-Stil)-Schule“) aus dem 16./17. Jh. ein Begriff. Mich haben die Komplexität und die nonkonforme Art des Nitos, des Kampfes mit zwei Schwertern, fasziniert. So habe ich nicht nur alle mir zugängigen Videoaufnahmen von Nito-Kämpfern weltweit angesehen und studiert, sondern auch jeden Sensei, jeden Trainer und Senpai auf Nito angesprochen – so auch Yukio-Sensei als einen der Ersten.

Mir wurde immer bewusster, dass es schwierig sein wird, den Weg des Nito zu gehen, da die unser heutiges Kendo formenden Regularien in sportlicher Hinsicht und in Bezug auf die Beurteilung des Status quo eines Kendokas durch Kampfrichter und Danprüfer Schwierigkeiten mit der Einordnung dieses Kampfstils haben und sich bis heute nur sehr wenige Kendoka weltweit für Nito gegenüber Ito entschieden haben. Nito hat mich noch einmal neu über Kendo nachdenken lassen.

T: Die Grundlagen, die die Teilnehmer hier aus NRW mitbringen sind mit denen in Japan nicht zu vergleichen. Die wenigsten fangen im Kindesalter oder als Jugendliche mit Kendo an. So lernen wir ganz anders und nicht mehr nur allein durch Beobachtung und Nachahmung. Die Japaner lehren und lernen Kendo vor allem dadurch. Sie schaffen die Grundlagen im Kindesalter durch unzähliges Wiederholen. Wir lernen anders als Japaner.

Ich meinerseits habe für mich erkannt, dass ich allein mit dieser Didaktik in meinen Lehrgängen und Trainingseinheiten nicht die von mir
erwünschten Lernerfolge erziele. Mein Ziel ist es, den Einzelnen auf seinem Weg zu begleiten. Ich möchte ihm die Kendo-spezifischen Schnitte und Techniken näherbringen, er soll verstehen lernen, warum es sie gibt, was sich dahinter verbirgt. Mein Lehransatz ist deshalb ein im Diskurs erklärender.

T: Ich in meiner Person bin nicht der einzige aus NRW, Deutschland bzw. Europa, der sich entschieden hat, nicht nur den Weg des Kendos als Übender zu gehen, sondern auch den Weg als Lehrender zu beschreiten, den Kendo so fasziniert, dass er diese Faszination nicht nur teilen, sondern auch weitergeben möchte. Wir sind die erste Generation eines neuen Sensei-Bildes außerhalb Japans.

Ich wünsche mir, dass allen die außerhalb Japans den Weg eines Senseis beschreiten, die gleiche Wertschätzung und das Gleiche Reiho entgegengebracht wird, wie wir es jedem japanischen Sensei angedeihen lassen.

T: Von meinen Anfängen bis heute gesehen, kann ich nur sagen, dass die Gemeinschaft der Kendoka im NWKV immer gleich groß war. In Zahlen ausgedrückt, lag sie immer in einer Größenordnung zwischen 700 und 900 gemeldeten Kendoka, die verteilt auf die Vereine dem Hobby Kendo nachgingen bzw. nachgehen.

T: Deutschland hat eine lange Vereinskultur. Die Vereine selbst leben von dem Engagement ihrer Mitglieder, egal welchen Alters, Geschlechts oder als aktives bzw. passives Mitglied. Kendo ist für uns alle ein Hobby, eine Freizeitgestaltung. Die Kendoka der ersten Stunde sind jetzt 40 Jahre älter, ihre aktive Zeit als Sportler liegt vielleicht schon hinter ihnen bzw. ist eingeschränkt. Doch hier trifft meiner Meinung nach ein Gedankengut des Kendos positiv mit der deutschen Vereinskultur zusammen: beide fördern eine Partizipation über die aktive Teilnahme hinaus. Generationenübergreifendes Engagement in der Vereins- und Verbandsarbeit.


Ich wünsche mir auf Vereinsebene, dass sich möglichst viele in den einzelnen Sparten – wie Turniere, Prüfungen und Übungsleiterausbildung – auch über ihre aktive Zeit hinaus engagieren, die jüngeren aktiv unterstützen und ihnen so Erfahrungen ermöglichen. Viele Veranstaltungen sind meistens aus Mangel an erfahrenen und den Einsatz stets neuer unerfahrener Helfer – bspw. bei Tischbesatzungen in Turnieren nicht fließend in ihrem Ablauf. Dieser Zustand wiederholt sich stets aufs Neue, da die das letztes Mal eingesetzten Anfänger jetzt als Teilnehmer auftreten.

Die größten Aufgaben des NWKV sehe ich weiterhin in den verwaltenden Aufgaben. Kendo ist in Deutschland eine Randsportart. Dennoch wollen wir gleichwohl unsere Anerkennung, z.B. durch Austragung von Meisterschaften, von den anderen Verbänden in NRW und Deutschland, haben, d.h. die Professionalisierung der Verbandsarbeit bei der Organisation von Veranstaltungen wie Lehrgängen, Meisterschaften und Prüfungen muss weiter aus dem Laienbereich in den Amateurbereich hinein vorangetrieben werden.

Mein Wunsch ist, dass gemeinsames Engagement unser Kendo in NRW nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch in Umgang und Respekt, in der Freundschaft zu- und untereinander die nächsten 40 Jahre zusammenhält und voranbringt.